In Beratungsanfragen bekommen wir häufig äußerst detaillierte Berichte über den Gesundheitszustand des Pferdes mit Angabe diverser körperlicher Probleme.
Gemeinsames Entspannen ohne ständige Geschäftigkeit - so wichtig!Es werden sich über so einige Dinge rund ums Pferd viele Gedanken und Sorgen gemacht und oft wird das Leben des Pferdes komplett durchorganisiert.
Aber eines wird bei den ganzen Überlegungen schnell vergessen: Das Pferd mit seinen natürlichen Bedürfnissen, seinen individuellen Vorlieben und Abneigungen und seinem bevorzugten Tagesablauf. Da jedoch beim Pferd Fütterung, Haltung und Sozialverhalten sehr eng zusammenhängen, ist es wichtig, unser Pferd auch in seiner "Freizeit" gut zu kennen:
Viele Pferdehalter wissen nicht, ob ihr Pferd sich überhaupt zum Schlafen hinlegt. Und kaum jemand weiß, wann oder wie oft und wie lange das Pferd liegt. Was tut das Pferd überhaupt den ganzen Tag und die ganze Nacht? Was ist sein bevorzugter "Job" in der Herde? Hat es überhaupt eine Herde? Wer sind seine Freunde? Hat es überhaupt wirkliche Freunde? Hat es bevorzugte Fresszeiten, zu denen es mehr frisst als sonst? Frisst es lieber alleine oder Nase an Nase mit besten Freunden? Was ist seine allerliebste Leckerei? Wo lässt es sich am liebsten kraulen? Mag es lieber große Herden oder eher kleine Pferdegruppen? Also im Grunde: WER ist dieses Wesen, wenn man es einmal ganz unabhängig von uns Menschen betrachtet?
Wenn man sein Pferd auch in seiner "Freizeit" wirklich gut kennt, kann das nicht nur die Beziehung stärken - es erleichtert auch ganz praktisch so vieles in der Fütterung und Haltung und dient letztendlich der Gesunderhaltung unseres Pferdes.
Warum ist es wichtig, den Tagesablauf unseres Pferdes zu kennen?
Freunde sind wichtig!Unsere Pferde haben ihren ganz eigenen Lebensrhythmus. Manche Dinge sind individuell von Pferd zu Pferd verschieden, andere Dinge gelten für alle Pferde, manche Dinge bleiben immer gleich und andere verändern sich. Aber so oder so: Für alle Lebewesen (also auch für unsere Pferde) gibt es viele verschiedene regelmäßige Abläufe, die teilweise vom eigenen Körper (z.B. durch Hormone) und teilweise von außen (Temperatur, Licht usw) gesteuert werden - es ergibt sich daraus der Biorhythmus.
Diese vielen Einflüsse und Abläufe greifen wie Zahnräder exakt ineinander und sinnvollerweise folgen Lebewesen ihrer "inneren Uhr". Die Bedeutung der Forschung, die sich mit dem Biorhythmus beschäftigt (Chronobiologie), nimmt zu, denn immer mehr Menschen erkranken durch die Missachtung des Biorhythmus.
Schauen wir uns nun eine gängige (besonders für Pferde / Ponys, die leicht zunehmen) Art der Raufutterversorgung an...
Zeitgesteuerte Heufütterung
In vielen Ställen werden Automaten zur Heufütterung genutzt, um eine gleichmäßige Heuversorgung rund um die Uhr zu gewährleisten, ohne dass die Pferde zu dick werden. Eigentlich eine gute Idee! Aber was passiert dabei leider sehr häufig? Wir reduzieren den Tagesablauf unserer Pferde auf "Fresspausen dürfen nicht länger als 4 Stunden sein". Und weil wir es ja gut meinen, gehen wir auf Nummer sicher und planen lieber nur 2 Stunden Fresspause ein. Nun können wir ganz beruhigt sein: Wir haben genau berechnet, wieviel Heu das Pony bekommen darf. Und das bekommt es gleichmäßig über den ganzen Tag und die Nacht verteilt, die Pausen sind sogar nur jeweils 2 Stunden lang. Klingt doch eigentlich perfekt!?
Warum aber nehmen einige Pferde trotzdem nicht ab, sondern werden immer dicker, schlechter gelaunt, unkonzentrierter und unmotivierter bei der Arbeit und entwickeln verschiedene gesundheitliche Probleme?
Eigentlich geht man davon aus, dass ein Pferd ca. 40 bis 45 Minuten benötigt, um 1 Kilo Heu zu verzehren. So wird dann berechnet: Mein Pferd wiegt 500 kg und hat einen Bedarf von z.B. 50 MJ ME. Bei einem Heu mit ca. 6 MJ je kg käme man somit auf 8,3 kg Heu und daran würde mein Pferd ca. 350 Minuten fressen und entsprechend werden die Automatenzeiten eingerichtet. Rein rechnerisch völlig korrekt.
Aber bei einigen Pferden stellt man nicht selten fest: Das Fressverhalten hat sich verändert! Statt in 40 bis 45 Minuten wird ein Kilo Heu in weniger als 30 Minuten, oft sogar in nur 20 Minuten verputzt. Die Pferde fressen durch zu kurze Fresszeiten deutlich schneller als normal, speicheln entsprechend nur noch schlecht ein - was Folgen für den gesamten Verdauungstrakt hat. Zudem nehmen die Pferde durch das schnelle Fressen mehr Heu auf als geplant, sind trotzdem unzufrieden und gestresst - was wiederum nicht ohne Folgen für die Gesundheit bleibt.
Wie lange muss ein Pferd fressen?
Rosenhecken im Pferdeauslauf bieten willkommene Abwechslung! Vor einigen Jahren hörte ich Conny Röhm in einem Vortrag darüber sprechen, wie wichtig es sei, die Fresszyklen der Pferde zu berücksichtigen. Sie plädierte in dem Vortrag dafür, lieber 2 bis 3 große Heumahlzeiten zu füttern und für die entstehenden Heupausen Stroh und Zweige und Äste anzubieten, als sich und die Pferde mit vielen kleinen Mahlzeiten zu stressen.
Wir alle haben gelernt, dass im Magen des Pferdes ständig Magensäure gebildet wird und darum zu lange Fresspausen vermieden werden müssen. Aber Verdauungsprozesse beinhalten ja weit mehr als nur Freisetzung von Magensäure. Und so passiert auch im Pferdeorganismus allerhand, wenn das Pferd beginnt zu fressen. Auch das unterliegt gewissen Rhythmen, nach denen sich das Pferd in der Natur richten würde.
Ein Fresszyklus dauert meist ca. anderthalb bis zwei Stunden. Individuell je nach Pferd auch länger oder kürzer, aber erst nach dieser Zeit wird dann üblicherweise eine (mehr oder weniger kleine oder großer) Fresspause eingelegt: Die Pferde gehen äppeln, etwas saufen oder ruhen ein wenig. Reicht die Mahlzeit aber nie aus und das Pferd kann nie so lange fressen, wie sein eigener Rhythmus es ihm vorgibt, so hat dies natürlich Folgen. Darum darf man also nicht nur auf die Pausen schauen, auch die ausreichende Dauer der Mahlzeit ist enorm wichtig für Zufriedenheit und Gesunderhaltung unserer Pferde.
Passen die Automatenzeiten?
Maible auf Wachposten - auch das gehört zum Pferdeleben!Kommen wir nun also wieder zur oben erwähnte Automatenfütterung zurück: Sehr häufig wird uns berichtet von Gesamtfresszeiten zwischen 240 und 360 Minuten, also 4 bis 6 Stunden. Und in vielen dieser Ställe gibt es eben NUR diese streng rationierten Heumahlzeiten (obwohl die Leitlinie zur Pferdehaltung klar mindestens 12 Stunden Raufutterangebot fordert!) und keinerlei weiteres Raufutterangebot (Stroh, Zweige, Äste).
Oft werden Automaten eingestellt auf einen Rhythmus von 30 Minuten Fressen, 2 Stunden Pause - immer gleichmäßig rund um die Uhr.
Für das Pferd bleibt dabei keinerlei Entscheidungsfreiheit: Es kann nicht entscheiden wo es fressen möchte, noch wann es fressen möchte, noch wie lange es fressen möchte. Es wird nicht geschaut, ob die Heumahlzeit eigentlich gerade in eine Ruhephase fällt und es wird auch nicht überlegt, ob Pferde zu bestimmten Tageszeiten mehr fressen als zu anderen Zeiten.
Ich möchte hier nun sicher nicht gegen die Fütterung aus Automaten als solches schreiben! Das kann sehr praktisch und sinnvoll sein. Aber vor der Programmierung wäre es ratsam, sich zunächst den Lebensrhythmus der betroffenen Pferde anzuschauen. Man nimmt den Pferden enorm viel Stress, wenn man die Automatenzeiten dem Biorhythmus der Pferde etwas angleicht.
So könnte man die Haupt-Ruhezeiten (bei den meisten Pferden in der Mittagszeit und in der zweiten Nachthälfte) für eine längere Fresspause einplanen und im Gegenzug morgens und abends (Haupt-Fresszeiten) eine längere Fresszeit anbieten.
Auch wird das Pferd bei der Arbeit wohl deutlich zufriedener und motivierter sein, wenn es weiß, dass es durch das Training nicht gerade eine der kostbaren Mahlzeiten verpasst. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, die man leicht berücksichtigen und verändern kann, WENN man einfach genauer hinschaut. Und bei Pferden, die wirklich nur so wenig Heu fressen dürfen, dass man auf so wenige Stunden Fresszeit kommt, MUSS die Ration mit Stroh, Zweigen und Ästen ergänzt werden.
Dürfen Pferde nie pro Intervall lange genug fressen und ist zusätzlich noch die Gesamt-Raufutterfresszeit viel zu kurz, so leiden die Pferde unter enormem Stress. Vielfach beeinträchtigt es auch das Herdenleben. Das Warten auf das nächste Heu nimmt zu viel Raum ein. Die Pferde werden immer unzufriedener, oft reagieren einige Pferde auf diesen Stress mit Aggressivität. So entsteht unnötige Unruhe. Neben den unzureichenden Fresszeiten kommt bei einigen Pferden noch Schlafmangel dazu, weil sie nicht genug zur Ruhe kommen. Nicht selten kann man unter solchen Umständen einige eher apathische, scheinbar ruhig wartende Pferde beobachten. Auch hier muss man hinschauen: Wirklich ruhig wartend? Oder doch eher resigniert?
Auch genügend Außenreize und Beobachtungsmöglichkeiten sind wichtig!
Und warum nicht einfach Heu zur freien Verfügung anbieten?
Wenn es nun mit dem Rationieren doch so schwierig ist, könnte man meinen, dass es dann aber doch das Beste sein müsste, Heu einfach zur freien Verfügung zu geben. Heu ad. lib. funktioniert in einigen Ställen wirklich prima. ABER meistens sind dies Ställe, die beispielsweise abwechslungsreiche Auslauffläche und / oder sehr große Koppeln anbieten. Wenn Pferde also vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten haben, die Pferde nicht all zu leichtfuttrig sind und / oder ausreichend energiearmes Heu zur Verfügung steht, dann ist das eine gute Möglichkeit. Aber auch hier sieht die Realität oft anders aus:
- Viele Pferde werden einfach zu dick bei Heu ad. lib..
- Es tritt vermehrt Karies auf, wenn Pferde zu langsam und ohne Pause fressen (weil es beispielsweise einfach nichts anderes zu tun gibt auf der Fläche).
- Es kann zu vermehrten Aufgasungen kommen durch fehlende Verdauungspausen.
- Heu aus großen Rundballen wird vor dem Verfüttern in der Regel nicht kontrolliert und nicht aufgeschüttelt, so dass Staub oft unbemerkt bleibt und die Pferde aber sehr viel Zeit verbringen mit Nüstern im Heu. Dies führt häufig zu Atemwegsproblemen.
- Der Heuverbrauch ist hoch, gleichzeitig sind die Pferde zu dick - auch aus ökologischer Sicht wenig sinnvoll.
So macht es in den meisten Fällen Sinn, das Heu zu rationieren. Aber bitte nicht einfach ersatzlos streichen! Vielmehr darf man hier kreativ werden und z.B. mit Stroh, Zweigen und Ästen für mehr Abwechslung, mehr Fressplätze, mehr Entscheidungsmöglichkeiten und anderes sorgen.
Oft kommt es in Stallgemeinschaften zu Streitpunkten: Die Besitzer sehr schlanker Pferde wünschen sich 24/7-Heuversorgung. Die Besitzer sehr leichtfuttriger Pferde dagegen verzweifeln am Kampf gegen die Pfunde ihres Pferdes.
Idealerweise würde man die Gruppen aufteilen nach ihrem Bedarf an Raufutter. Wenn das nicht geht, muss ich die Fütterung eher an den zu dicken als an den zu dünnen Pferden orientieren. Denn bei den eher schwerfuttrigen Pferden kann ich recht einfach etwas zufüttern, damit sie nicht zu dünn werden. Aber es gibt nichts, was ich zugeben kann, wenn das Pferd durch zu viel Heu dick und krank geworden ist.