Die häufigste Anfrage in den Beratungen lautet: "Mein Pferd hat abgebaut! Mir wurde gesagt, ich müsse mehr Proteine / mehr Aminosäuren füttern. Was können Sie da empfehlen?"
Wir haben eine sehr große Auswahl an Produkten zur Eiweißergänzung im Sapodoris-Sortiment und man könnte meinen, dass dies also eine ganz einfache Frage wäre. Natürlich könnten wir dem Kundenwunsch entsprechend einfach ein Produkt empfehlen - dann wären wir schnell und einfach davon ab.
Diese Frage ist jedoch eine der schwierigste Fragen in den Beratungen, denn die Beantwortung erfordert ist eine extrem gründliche "Bestandsaufnahme".
Wie sieht der Gewichtszustand tatsächlich aus?
(iStock.com JABilton) Eine solche Seitenansicht ist hilfreich bei der Einschätzung der SituationDie Frage nach der passenden Ergänzung, wenn ein Pferd abgebaut hat, lässt sich eigentlich nicht beantworten, ohne zumindest ein Foto vom Pferd zu sehen. Natürlich gibt es Pferdebesitzer, die den Gewichts- und Muskulaturzustand ihrer Pferde sehr gut beurteilen können. Die Erfahrung zeigt aber: Beim eigenen Pferd ist man oft etwas "betriebsblind" und zudem ist es leider so, dass wir alle uns an den Anblick von zu dicken Pferden gewöhnt haben. Oft werden Pferde mit Idealgewicht schon als zu dünn angesehen. Wo wir uns freuen über ein wunderbar schlankes Pferd, macht der Besitzer sich Sorgen.
Gerne darf man sich darum etwas näher mit dem Body Condition Score (BCS) der Pferde beschäftigen. Noch besser ist es, wenn man eine Pferdewaage kommen und Gewicht sowie auch den BCS ermitteln lässt. Man verschätzt sich da wirklich sehr leicht und so manch ein Pferd, bei dem man denkt, dass das doch gut aussieht, ist bei genauer Betrachtung schon zu dick.
Regelrechte Panik bricht beim Pferdehalter oft aus, wenn man schon beim Überstreichen mit nur leichtem Druck Rippen spüren und in Bewegung womöglich sogar leicht durchschimmern sehen kann. Dabei ist dies fürs Pferd ein weit gesünderer Zustand (besonders für Jungpferde!), als wenn man die Rippen nicht oder nur schwer fühlen kann.
Weil sich die Wahrnehmung so sehr verändert hat, stellt sich uns also immer zunächst die Frage: Ist das Pferd wirklich zu dünn? Oder ist es als sogar positiv zu bewerten, dass das Pferd abgenommen hat?
Und ganz häufig können wir also sagen: Super! Ihr Pferd sieht viel besser aus als früher!
Wenn das Pferd aber wirklich abgebaut hat oder / und insgesamt nicht gut aussieht...
Als erstes stellt sich natürlich die Frage: Hat sich ein Tierarzt das Pferd angeschaut? Gibt es einen Befund?
Auch wenn Gewicht und BCS vorab möglicherweise korrekt ermittelt wurden, benötigen wir unbedingt ein Foto um zu schauen: Ist das Pferd insgesamt zu dünn? Wie sieht die Muskulatur aus? Hat es gleichmäßig abgenommen? Oder sind bestimmte Muskelpartien besonders betroffen? Fotos im Stand von der Seite (ohne Sattel und Decke und nicht fressend) sind zur Einschätzung hilfreich. Wir sind nicht vor Ort und es ist immer schwer, aus der Ferne eine Situation einzuschätzen. Wenn es darum geht, dass ein (Istockphoto.com JonGorr)Pferd zu dünn ist / zu stark Muskulatur verloren hat, dann geht es also einfach nicht, ohne zumindest aktuelle Fotos anzuschauen.
Weiterhin brauchen wir eine genaue Auflistung aller Futtermittel, die das Pferd bekommt. Hier sind wir aus gutem Grund sehr "penetrant" und bestehen darauf, dass Futtermittel gewogen werden. Wir haben schon viel zu häufig erlebt, dass entweder "ziemlich viel" dann doch nur 200 g Heucobs waren oder andersherum "nur eine Hand voll Pellets" dann doch ein halbes Kilo wog. Es ist immer wieder erstaunlich, was bei genauer Berechnung zutage tritt. Häufig finden wir:
- Massive Selenüberversorgungen, weil schon das Kraftfutter / Müsli Selen enthält, zusätzlich noch mineralisiertes Mash geben wird, dazu Mineralfutter in voller Dosierung, noch ein Produkt für die Hufe, ein Muskelprodukt und noch allerhand mehr. Oft werden zuvor verschiedene Leute um Rat gefragt, jeder hat noch wieder einen Tipp und der Futterplan wird nach und nach immer umfangreicher und unübersichtlicher. Aus der "kleinen Hand voll" ist inzwischen locker 1 kg geworden - da wundert sich manch ein Pferdehalter selber über die Mengen, wenn das alles gewogen und aufgelistet wird. Auch unter einer Selenüberversorgung sieht ein Pferd oft nicht gut aus, Hufqualität leidet, Mähnenhaare fallen aus... Da hilft kein Proteinprodukt - da muss Selen aus der Ration genommen werden.
- Starke Jod-Überversorgungen finden wir aus denselben Gründen ebenfalls sehr häufig.
- Sehr überrascht sind viele Kunden darüber, wieviel Protein ihr Pferd täglich schon aufnimmt. nicht selten wird schon über die Zusätze der komplette oder gar anderthalbfache Tagesbedarf gegeben - und Heu enthält nicht immer so sehr wenig Protein. Da kommt man in manchen Rationen auf den dreifachen Tagesbedarf - und gefragt wird bei uns nach einem Eiweißergänzer.
- Manchmal fehlt tatsächlich Eiweiß. Hier muss man aber immer schauen: Fehlt nur Eiweiß? Oder fehlt auch Energie? Dazu später mehr!
Je nachdem, welchen Eindruck wir bis dahin gewonnen haben, sprechen wir in der Regel zusätzlich an:
- Kann es sein, dass das Pferd Schmerzen hat? Wie läuft es?
- Kann es sein, dass das Pferd Atemwegsprobleme entwickelt hat? Bekommt das Pferd nicht gut Luft, baut sich Muskulatur ab. Muskulatur braucht Sauerstoff und somit haben Atemwegproblemen natürliche einen sehr großen Einfluss auf die Muskulatur. Lange bevor das Pferd hustet und bevor der TA etwas beim Abhorchen hören kann, fallen oft schon Abgeschlagenheit und schlechter Muskelaufbau auf. Da wir in den letzten Jahren häufig Probleme mit den Heuqualitäten hatten, haben enorm viele Pferde (oft unerkannt!) Atemwegsprobleme entwickelt. Da genauer hinzuschauen ist also meistens eine gute Idee.
- Hatte das Pferd Stress? Ist möglicherweise der Paddock im Winter zu klein? Fehlen ausreichend weiche Liegeflächen und das Pferd schläft nicht genug? Auch Stress und / oder zu wenig Schlaf kann zu massivem Muskelabbau führen - und natürlich auch zu Magenproblemen.
Wenn das Pferd nun wirklich zu dünn ist / zu stark abgebaut hat, weil etwas fehlt...
(istockphoto.com piccerella) Hier wäre eine bloße Erhöhung der Eiweißzufuhr der falsche Ansatz!Wenn ein Pferd wirklich zu dünn ist und man womöglich doch schon deutlich die Rippen sieht, dann wäre es absolut falsch, hier mit konzentrierten Eiweißprodukten zu arbeiten. Als erstes schaut man sich die Heuversorgung an. Kann mehr Heu gegeben werden? Oder frisst das Pferd schon reichlich Heu und ist trotzdem zu dünn? Bei zu dünnen Pferden ist zunächst die Futtermenge als solches zu erhöhen. Mehr Heu und passendes Kraftfutter kommen zum Einsatz. Häufig passen unsere Krafthappen sehr gut. Denn mit 1 kg Krafthappen geben wir 11 MJ ME (ME = umsetzbare Energie) aber nur 81 g dünndarmverdauliches Rohprotein.
Dieselbe Menge Protein würden wir mit 300 g Proteinhappen geben, aber bei nur 2,58 MJ ME. Zum Zunehmen brauchen wir aber Energie (also quasi Kalorien). Und wenn wir besagte 11 MJ (aus dem Kilo Krafthappen) über die Proteinhappen geben wollten, dann müssten wir 1,3 kg Proteinhappen geben. Das wäre zum einen sehr teuer - zum anderen wirklich schädlich fürs Pferd, weil wir damit 351 g dünndarmverdauliches Rohprotein geben würden in rel konzentrierter Form. Das ist wenig verträglich, der Darmflora nicht zuträglich und zudem würde das Pferd vermutlich nicht wie erhofft zunehmen würde: Zu hohe Eiweißmengen führen zu einem Energieverlust, weil das überschüssige Stickstoff mit recht hohem Aufwand "entsorgt" werden muss. Es kommt zu erhöhten Harnausscheidungen und die Nieren werden belastet.
Der pauschale Rat, mehr Eiweiß zu geben, wenn das Pferd abgenommen hat, ist also gefährlich. Darum fragen wir so gründlich nach, statt einfach Produkte zu empfehlen, ohne die Hintergründe genau anzuschauen und ohne die Ration zu berechnen.
Und wenn nur Muskulatur fehlt?
Wenn ein Pferd (ohne zu dünn zu sein) aus unerklärlichen Gründen auffällig Muskulatur verloren hat, ist die Erhöhung der Eiweißzufuhr oft tatsächlich eine gute Idee. Aber auch hier muss man genau hinschauen:
- Wurde es weniger trainiert? War es krank?
(istockphoto.com piccerella)
- Hat es Atemwegsprobleme?
- Hat es womöglich Schmerzen / Stress?
- Haben wir wirklich zu wenig Eiweiß in der Ration?
Unweigerlich kommt in solchen Gesprächen dann der Einwand: "Aber mein Pferd hat doch MIM und darum einen erhöhten Bedarf!".
Hier muss man sich anschauen, dass wir einige Jahre mit sehr trockenen Sommern und teilweise extrem eiweißarmem Heu hatten. Bis vor wenigen Jahren ist man aber davon ausgegangen, dass die Eiweißzufuhr über das Heu immer ausreichend ist - so konnte man es in einigen Büchern über Pferdefütterung lesen.
Früher wurde das Heu eher geschnitten (in der Blüte, gegen Ende der Blüte) und nicht so überständig (zur Samenreife) wie heute geerntet. Die Verschiebung der Schnittzeitpunkte bei gleichzeitig sehr trockenen Sommern führte zu extrem niedrigen Eiweißgehalten im Heu - bevor sich herumgesprochen hatte, dass der Bedarf eben doch nicht immer automatisch gedeckt ist. Folglich rutschten sehr viele Pferde in einen Eiweißmangel und bekamen entsprechende Probleme.
Zeitgleich "ploppte" PSSM2 / MIM auf und in diesem Zusammenhang wurde die Eiweißzufuhr erhöht - und den Pferden ging es besser. Und wo wir noch vor wenigen Jahren immer wieder auf Proteinmängel in den Rationen gestoßen sind und erst einmal über die Wichtigkeit der ausreichenden Eiweißversorgung aufklären mussten, ist es nun ins Gegenteil gekippt: Da man bemerkt hat, wie positiv die Pferde sich bei guter Versorgung verändern, wird bei sämtlich Problemen nun gesagt: "Füttere mal mehr Eiweiß, gib mal Aminos dazu!" Und was einmal so tolle Verbesserungen gebracht hat, wird doch in noch größerer Menge noch besser sein?
Manchmal kann ich nur staunen, dass selbst bei Pferden, die 24/7 auf üppiger Wiese stehen, sogar noch von Therapeuten geraten wird: "Gib mal Aminos dazu!". Immerhin enthält frisches Gras sehr hohe Mengen an Eiweiß - und Eiweiß besteht aus Aminosäuren. Folglich nehmen Pferde auf der Wiese jede Menge Aminosäuren auf. So muss natürlich auch der Weidegang immer mitberücksichtigt werden und man darf nicht einfach die für den Winter berechneten Produkte so weiter füttern. Aber keine Sorge: Bei dieser Aussage geht es im die Eiweißergänzungsprodukte, die die Proteinzufuhr als solches stark erhöhen. Ein paar zugesetzte Aminosäuren im Mineralfutter stellen beim Weidegang kein Problem dar.
Anmerken möchte ich an dieser Stelle noch: Selbst wenn ein Pferd den Winter über in einen Eiweißmangel geraten ist, wäre es falsch, das rückwirkend durch stark überhöhte Mengen ausgleichen zu wollen und neben Weidegang auf üppiger Wiese noch tüchtig Protein zuzufüttern. Auch in solchen Fällen versorgt man dann einfach bedarfsgerecht.
Die gute Eiweißversorgung ist wichtig. Sehr viele Pferde benötigen aus verschiedenen Gründen unterschiedliche Eiweißprodukte und profitieren sehr davon. Der Einsatz sollte aber nicht blind erfolgen - sondern immer mit Bedacht und Sachverstand.